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Ratgeber · Fachwissen

ICD-11: Was sich ändert — und was noch nicht

Die neue Klassifikation der WHO ist seit 2022 international in Kraft, und in Fortbildungen und Lehrbüchern taucht sie immer häufiger auf. Zeit für eine sachliche Einordnung: Was die ICD-11 inhaltlich verändert, warum Deutschland trotzdem noch nach ICD-10 arbeitet — und was das für Ihre Prüfung beim Gesundheitsamt bedeutet. Stand: Juli 2026.

Der Stand der Dinge: drei verbreitete Irrtümer

„Die ICD-11 gilt doch schon.“ International ja — als WHO-Standard seit dem 1. Januar 2022. In Deutschland nein: Hier ist 2026 weiterhin die ICD-10-GM die amtliche Klassifikation, nach der Praxen und Kliniken kodieren und abrechnen. Das zuständige Bundesinstitut (BfArM) arbeitet an Übersetzung und Erprobung, nennt aber ausdrücklich keinen Umstellungstermin und rechnet mit „mehreren Jahren“. Weltweit erheben bislang nur rund ein Dutzend Länder ihre Daten tatsächlich nach ICD-11.

„In Amerika ist sie schon draußen.“ Ein naheliegender Eindruck — er stimmt aber nicht. Die USA nutzen für Diagnosen die ICD-10-CM (ihre eigene Landesfassung der ICD-10) und in der Psychiatrie das DSM-5-TR der amerikanischen Fachgesellschaft. Die Verwechslung kommt daher, dass das DSM eng mit der ICD-11-Entwicklung harmonisiert wurde — inhaltlich denken die Amerikaner also ähnlich, formal kodieren sie weiter nach ICD-10-CM.

„2027 wird umgestellt.“ Diese Jahreszahl geistert durch manche Kurs-Werbung. Sie beruht auf einer flexiblen WHO-Übergangsempfehlung — weder die WHO noch das BfArM haben einen verbindlichen Stichtag genannt.

Klassifikation und Nachschlagewerke
Die Inhalte

Die 8 wichtigsten Änderungen für die Psychotherapie

Aus dem ICD-10-Kapitel V (den vertrauten F-Diagnosen) wird das ICD-11-Kapitel 06 — die Codes beginnen künftig mit einer 6. Dahinter stecken auch inhaltliche Weiterentwicklungen:

  • Komplexe PTBS (6B41) — neue Diagnose für Folgen lang anhaltender Traumatisierung: PTBS-Kernsymptome plus Affektregulations-, Selbstwert- und Beziehungsstörungen
  • Anhaltende Trauerstörung (6B42) — pathologische Trauer erstmals als eigene Kategorie
  • Gaming Disorder (6C51) — Computerspielstörung als Verhaltenssucht, neben der Glücksspielstörung
  • Persönlichkeitsstörungen dimensional: statt der alten Kategorien (paranoid, schizoid, Borderline …) nur noch Schweregrade leicht/mittel/schwer plus Trait-Domänen — mit optionalem Borderline-Muster
  • Geschlechtsinkongruenz entpathologisiert — aus dem Psyche-Kapitel entfernt, jetzt im Kapitel „Sexuelle Gesundheit“
  • Zwangsspektrum neu gruppiert — mit neuen Diagnosen wie pathologischem Horten (6B24)
  • „Bodily Distress Disorder“ (6C20) ersetzt die somatoformen Störungen — entscheidend ist die Belastung durch Körpersymptome, nicht mehr „medizinisch unerklärt“
  • Schizophrenie ohne Subtypen — paranoid/hebephren/kataton entfallen, stattdessen Symptom- und Verlaufs-Spezifizierer. Und: Burnout bleibt auch in der ICD-11 keine Krankheit, sondern ein arbeitsbezogenes Phänomen

Was heißt das für Ihre Prüfung?

Klare Ansage: Die amtsärztliche Überprüfung läuft aktuell nach ICD-10 — und das bleibt so, bis Deutschland die ICD-11 amtlich einführt, wofür es keinen Termin gibt. Wer jetzt in die Vorbereitung startet, lernt also zu Recht die F-Diagnosen der ICD-10 prüfungssicher. Genau so bauen wir unsere Ausbildung auf.

Trotzdem gilt: Ein souveräner Satz zur ICD-11 im Fachgespräch wirkt professionell, und wer die neuen Konzepte — komplexe PTBS, dimensionale Persönlichkeitsdiagnostik — schon kennt, liest auch aktuelle Fachliteratur flüssiger. Deshalb ordnen unsere Lektionen an den relevanten Stellen ein, was sich mit der ICD-11 ändern wird: ICD-10 als Prüfungsfundament, ICD-11 als Ausblick. So müssen Sie später nicht umlernen.

Nächster Schritt

Prüfungssicher in ICD-10 — mit ICD-11-Ausblick